Ein Interview über Authentizität, eine Masterarbeit und einen 5-Tage-Online-Kurs

10. Januar 2018

Vor einiger Zeit bekam ich eine Nachricht von Daniel. Er studiert „Cognitive Science“ an der Universität Wien. Für seine Masterarbeit beschäftigt er sich mit webbasierten Interventionen und hier mit dem Thema Authentizität. Auf der Seite authentischsein.at kann sich jeder anmelden, der sich selbst besser kennen lernen und authentischer leben möchte und sich für Persönlichkeitswachstum und Selbstreflexion interessiert. Um zu prüfen, ob die Online-Unterstützung hilfreich ist, sucht Daniel nach Teilnehmern, die die Seite ausprobieren. Da ich das Projekt sehr spannend finde, habe ich einmal genauer nachgefragt:

Lieber Daniel, magst du dich kurz vorstellen? Wer bist du, was machst du und wobei gerätst du in einen Flow?

Derzeit stecke ich noch zwischen Ausbildungen und meiner Berufung. Langsam habe ich mich Schritt für Schritt von der Software Entwicklung wegbewegt hin zur Mal- und Gestaltungstherapie. Während meinem Zivildienst habe ich das Malen neu für mich entdeckt. Damals in meiner WG hat es angefangen. Als ich meine WG-KollegInnen zum gemeinsamen Malen begeistern konnte, haben wir in kreativen Malsessions getobt. Meist gemeinsam auf einer großen Leinwand. Wenn es nämlich nicht um Ästhetik geht sondern um’s Tun, dann kommt die Freude von selbst. Meine Lieblingsmomente waren die, wo ich in den Bereichen, die mein bester Freund gemalt hat etwas erkannt habe, das er selbst noch nicht gesehen hat, den Teil im Bild dann habe wachsen lassen und damit weiter gespielt habe. Genauso auch umgekehrt. Wir haben uns meist abgewechselt, jeder hat überall gemalt, nach dem Motto „Alles darf sein!“.

 

Authentizität

 

Du studierst „Cognitive Science“ an der Universität Wien. Was genau ist das?

Ein weiterer Schritte weg von der Softwareentwicklung war mein Studienwechsel hin zu Cognitive Science, einem kleinen Studiengang auf der Uni Wien. Jedes Jahr starten hier 25 Studenten. Bei dem Studiengang geht es um alles, was in Wahrnehmung und Bewusstsein hineinfällt. Und das ist echt viel. Das Studium ist eine Schnittstelle zwischen Philosophie, Psychologie, Anthropologie, Künstlicher Intelligenz, Neurowissenschaft,… Ziel des Studiums ist es, Forscher auszubilden, die sich in einem interdisziplinären Umfeld zurechtfinden und selbstständig Forschungsprojekte umsetzen können.

Da es ein englischsprachiger Master ist und der Studienleitung neben Interdisziplinarität auch eine Internationalität am Herzen liegt, kommen Menschen aus der ganzen Welt mit den unterschiedlichsten Interessen. So ist das Studium auch aufgebaut: Jeder kann sich bis auf ein paar wenige Kernfächer (vorwiegend wissenschaftliche Methoden für interdisziplinäre Forschungsprojekte) sein Studium selbst zusammenstückeln und sich seinen Interessen widmen.

Du beschäftigst dich mit Authentizität. Was genau bedeutet es, authentisch zu leben?

Authentisch zu leben setzt voraus, dass man sich selbst und seine Werte gut wahrnehmen kann und diese in seinen Handlungen berücksichtigt. Oft ist die Rede von einer inneren Stimme, die wir wahrnehmen können, um zu entscheiden, was richtig oder falsch für uns selbst ist. Damit will ich nicht in eine spirituelle Richtung abschweifen, sondern meine die Frage danach, was sich für mich selbst stimmig anfühlt. Und hier sind wir wieder bei den eigenen Werten: Stehen vielleicht mehrere meiner Werte im Konflikt? Essentiell sind hier klare Stellungnahmen: Was ist mir wirklich wichtig in dieser Situation? Authentisch sein kann man auch nur in einer ganz konkreten Situation. Dabei darf man jedoch nicht nur auf sich selbst fokussiert sein, sondern es geht immer auch um die involvierten Interaktionspartner und die Situation selbst: Kann ich mit den möglichen Konsequenzen leben? Oder sind da noch weitere Werte mit betroffen?

Also kurz: Authentisch zu leben bedeutet, mit den eigenen von der Situation betroffenen Werten zu klaren Stellungnahmen zu gelangen und danach zu handeln.

Authentisch zu leben ist seit einiger Zeit auch ein großes Thema in der Psychotherapie. Warum ist es wichtig, authentisch zu leben?

Ganz einfach: Weil man sich damit besser in der eigenen Haut fühlt. Wir verurteilen uns oder zerbrechen uns so oft den Kopf darüber wie wir gehandelt haben. Oder sind überfordert, weil wir vor einer Situation stehen in der wir nicht wissen, was wir tun sollen. Wenn ich mich und meine Werte aber ganz klar wahrnehme und – etwas geschwollen ausgedrückt – ein Gespür dafür entwickle, was sich für mich stimmig anfühlt, dann kann ich danach handeln. Dann brauche ich mich im Nachhinein auch nicht zu verurteilen, wenn mal etwas schief läuft. Denn auch das wird es im Leben immer mal geben. Ich kann dann sagen: Stimmt, da hätte ich besser handeln können und werde das beim nächsten Mal so tun, aber ich habe nach meinem besten Gewissen gehandelt!

Du hast zusammen mit Alfried Längle, einem Psychotherapeuten, eine Internetseite entwickelt, die Hintergrundwissen und Übungen anbietet, um authentischer zu leben. Teilnehmer schlüpfen dabei für sich selbst in eine Art Therapeuten-Rolle. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, diese Hilfestellung online zu entwickeln? Und was ist euer Ziel mit der Seite?

Mich hat während meinem Studium das Konzept Webbasierter Intervention immer mehr interessiert: Selbsthilfe online anzubieten aus Erkenntnissen der Psychotherapie. Gleichzeitig interessiere ich mich für die Logotherapie und Existenzanalyse. Für meine Masterarbeit habe ich dann etwas recherchiert und gemerkt, dass diese Psychotherapierichtung noch nicht in der Online Selbsthilfe eingesetzt wird. Als ich an Alfried Längle herangetreten bin, haben wir uns gemeinsam überlegt, wie die Existenzanalyse in dieses Feld passen kann. (Bisher wurde vorwiegend Verhaltenstherapie online verwendet.) Abzuklären war vor allem, für welche Bereiche sich die Methoden auch ohne Therapeuten einsetzen lassen.

Unser Ziel mit der Seite ist es zuerst einmal zu untersuchen, ob die Existenzanalyse tatsächlich für den webbasierten Einsatz geeignet ist. Ein etwas hintergründiges Ziel ist, Menschen zu zeigen, dass es in Psychotherapie auch um Alltägliches geht. Für Probleme, die jeder kennt, gibt es eine Unterstützung.

Was genau passiert, wenn ich mich auf authentischsein.at/ anmelde?

In 5 Tagen reflektierst du eine Situation, in der du dich nicht authentisch gefühlt hast und gelangst zu mehr innerer Klarheit. Am ersten Tag bekommst du Zeit zum Überlegen, welche Situation du wählen magst. Umso wichtiger dir die Situation selbst ist, desto mehr Nutzen ziehst du natürlich aus der Website. Schritt für Schritt wirst du zu klaren Stellungnahmen hingeführt, die mit deinen betroffenen Werten der Situation übereinstimmen. Am Ende übst du, diese (in deiner Vorstellung) umzusetzen.

Dir wird außerdem das notwendige Hintergrundwissen durch kurze Videos und Theorieblöcke vermittelt. In den Übungen wirst du durch gezielte Fragen angeleitet, über die Situation zu reflektieren, um zu klaren Stellungnahmen zu gelangen und diese umzusetzen. Im Durchschnitt sind es 25-30 Minuten Zeitaufwand pro Tag.

Da wir die Wirksamkeit der Website untersuchen, gibt es am Anfang und am Ende Fragebögen zum ausfüllen. (Diese sind bereits in den oberen Zeitaufwand eingerechnet.) Das kostet zwar etwas Zeit, dafür ist die ganze Website kostenfrei und am Ende bekommst du natürlich deine ausgewerteten Fragebogenergebnisse angezeigt. Uns ist damit sehr geholfen und du trägst einen Teil dazu bei, dass in Zukunft weitere, noch bessere Selbsthilfen entstehen können.

Vielen Dank, Daniel, dass du meine Fragen beantwortet hast!

Wenn du mitmachen, die Forschung unterstützen und dich selbst weiter entwickeln möchtest, kannst du dich auf dieser Seite kostenlos anmelden: authentischsein.at/

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