Wie schreibt man über ein solches Thema? | Warum wir eigentlich acht Kinder haben

30. Mai 2019

Rückblickend kann ich kaum glauben, was man alles innerhalb von etwa sechs Jahren alles erleben kann – und ich vermute, andere haben noch viel mehr zu erzählen. Wenn ich heute über diese Jahre schreibe, empfinde ich sie selbst als ziemlich krass und es ist gut, dass wir vorher nicht wussten, was uns bevorstehen würde. Ich schreibe dies alles auf, weil ich weiß, dass viele Frauen, viele Familien ähnliches erlebt haben und erleben werden. Viele sprechen nicht darüber, andere zerbrechen an dem, was sie erlebt haben.

Über diesen Post denke ich schon länger nach. Ich habe angefangen und wieder aufgehört, umformuliert und verworfen. Nun ist er so wie er ist…

Kinderwunsch Fehlgeburt

2008

Mein Mann und ich sind uns einig, dass wir Kinder haben möchten und dass jetzt der perfekte Zeitpunkt dafür ist. Im Sommer halte ich endlich den ersten positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Wir rechnen aus, wann das Kind auf der Welt sein wird. In der 8. Woche bekomme ich Blutungen. Ich gehe zum Arzt, das Kind lebt nicht mehr. Kann mal passieren. Eine Ausschabung ist glücklicherweise nie erforderlich.

Einen Monat später bin ich wieder Schwanger, in der 7. Woche bekomme ich Blutungen… Ich falle in ein Loch. „Warum schon wieder? Was ist mit mir falsch? Was, wenn es bei mir nie klappen wird?“

Zwei Monate später bin ich erneut Schwanger. Die ersten drei Monate sind ein Alptraum. Jedes Ziehen, jede Veränderung versetzt mich in Panik. Aber ich überstehe die ersten drei Monate ohne Blutungen. Erst dann kann ich mich langsam entspannen und den Rest der Schwangerschaft endlich genießen.

2009

Im Sommer wird unsere erste Tochter geboren.

Familie

2010

Es war immer klar, dass sie kein Einzelkind bleiben soll und ich wünsche mir einen relativ kleinen Altersabstand. Ich habe drei weitere frühe Fehlgeburten.

Im Spätsommer bin ich wieder Schwanger, mein Mann hat ein komisches Gefühl. Vor Weihnachten sagt uns die Gynäkologin, dass die Breite der Nackenfalte etwas auffällig ist, aber das müsse nichts heißen. Wir sind beunruhigt, fragen einen Pränataldiagnostiker und wissen danach mehr über Wahrscheinlichkeitsrechnung.

2011

Im Januar erfahren wir, dass mit unserer Tochter definitiv nicht alles in Ordnung ist. Wir möchten keine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen, aber aufgrund der Ultraschalluntersuchungen weiß der Arzt relativ bald, was unsere Tochter hat und dass sie vermutlich nicht lange leben wird.

Uns wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Alles läuft in Zeitlupe an uns vorbei. (Darüber, wie wir diese Zeit „überstanden“ und was uns geholfen hat, habe ich hier in diesem Artikel geschrieben.) Wir treffen die Entscheidung, dass unsere Minitochter zur Welt kommen und so lange leben kann, wie ihr Körper es schafft. Außerdem wollen wir offen mit der Situation umgehen. Ich bin vor allem erst einmal Schwanger.

2012

Am 1. Juli kommt unser Minimädchen auf die Welt. Es geht ihr zunächst besser als befürchtet. Ein Gentest zeigt, dass der Pränataldiagnostiker Recht hatte – sie hat einen seltenen Gendefekt. Sie ist ein paar Wochen im Krankenhaus, drei Wochen zu Hause, dann wieder im Krankenhaus. Wir gewöhnen uns an Überwachungsgeräte, medizinische Fachausdrücke und Desinfektionsmittel. Im August kommt das große Tochterkind in den Kindergarten und ich bin morgens im Krankenhaus und nachmittags zu Hause. Das Leben rast an uns vorbei. Die Zeit zeigt, welche Schwierigkeiten das Minimädchen mit dem Leben hat und wir treffen irgendwann die Entscheidung, dass wir nicht alles für sie wollen, was medizinisch zur Lebensverlängerung möglich ist.

Mit Palliativ-Unterstützung kommt das Minimädchen Ende Oktober nach Hause und stirbt etwa 24 Stunden später in meinen Armen. Ich achte nicht mehr auf die Geräte, die Zeit bleibt einfach stehen. Neben mir sitzt mein Mann und spielt mit dem großen Mädchen, das nicht wirklich mitbekommt, was gerade passiert.

Wir haben uns schon während der Schwangerschaft damit beschäftigt, wie eine Beerdigung ablaufen kann. Das hilft uns jetzt. Das Minimädchen ist noch eine Weile bei uns, wir waschen sie und ziehen sie um. Dann rufen wir den Bestatter. Wir haben uns gegen einen Holzsarg und für ein Körbchen entschieden, wir machen alles so, wie es sich für uns richtig anfühlt. Ich fühle mich taub und gleichzeitig voller Emotionen. Vor allem ist da Dank – dass wir unsere Tochter kennen lernen durften, dass wir Entscheidungen gemeinsam treffen konnten, dass wir unsere große Tochter haben und sie so unbefangen mit der Situation umgehen kann, dass wir Freunde und Familie haben, die uns so sehr unterstützen. (Alle Beiträge über das Minimädchen findest du hier.)

In diesem Moment, als das Minimädchen in meinen Armen aufhört zu atmen, weiß ich, dass ich wieder Schwanger bin. ganz frisch. Aber ich wage noch nicht zu hoffen oder darüber nachzudenken. Mein Mann hat ein gutes Gefühl. Ich sage meiner Gynäkologin, dass ich erst wieder komme, wenn die ersten drei Monate rum sind und ich keine Wahrscheinlichkeiten, sondern Fakten bekomme. Für uns ist klar, wir würden im Fall der Fälle alles wieder genauso machen.

2013

Im Juni kommt unser kleines Tochterkind gesund und munter zur Welt.

Es gibt kein Recht auf Kinder. Es gibt kein Recht auf ein gesundes Kind. Kinder sind ein Geschenk! Und Kinder sind eine Herausforderung! Wir können mit ihnen wachsen!

Familienzeit

2019

Neulich habe ich auf Instagram ein Bild vom Grab des Minimädchens gepostet. Wie immer, wenn ich von unserer Geschichte erzähle, höre ich: „Ihr seid so stark!„. Mich haben diese Worte immer irritiert, weil ich mich nie und zu keiner Zeit stark gefühlt habe. Beim Lesen der Kommentare ist mir aber bewusst geworden, dass das, was andere an uns als Stärke bewundern, die Momente sind, in denen wir uns ganz besonders getragen gefühlt haben. Wir konnten stark sein, weil wir getragen wurden.

Das ist meine riesige Zuversicht, die ich haben darf: Es passieren im Leben von Menschen viele schlimme und unerträgliche Dinge und glücklicherweise wissen wir aktuell nicht, was wir noch erleben werden – an Gutem und Schwierigem. Aber ich weiß eines ganz sicher: Da, wo mich der Mut und die Kraft verlässt, werde ich getragen werden!

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marie

wie traurig, wie wertvoll, wie berührend dieser Bericht!
Viel Gutes für Sie und Ihre Lieben!

Judith

So ein wundervoller Post zu diesem so schwierigen und schmerzenden Thema ist dir gelungen. Ich/wir mussten so vieles, was euch widerfahren ist ebenfalls durchmachen u d ja man fühlt sich nicht stark und nein, Gott sei Dank, weiß man nicht was das Leben für einen bereit hält.

Allerliebste Grüße

Judith