Meinungsdiktatur und Aluhüte: Wie kommt das und was kann ich tun?

5. September 2020

Irgendwie ein Dauerbrenner, aber gerade aktuell wie nie: Menschen mit scheinbar völlig unterschiedlichem Hintergrund gehen gemeinsam auf Demos, sie verbreiten Verschwörungstheorien, reden von Meinungsdiktatur und postulieren ein „Wir gegen die da oben“. Ich habe mich mal wieder hingesetzt und ein paar Artikel gewälzt. Vor allem ist für mich die Frage wichtig: Was kann ich tun?

Rechte Parteien und rechte Meinungen schwächen eine demokratische politische Kultur. Aber was ist mit den Verschwörungstheoretikern? „Der Glaube an Verschwörungen geht mit einem Rückzug aus der Demokratie einher, mit einem stärkeren politischen Zynismus und auch mit einer stärkeren Gewaltbereitschaft“ sagt Psychologin Pia Lamberty. 38 Prozent der Deutschen haben laut einer Bertelsmann Stiftung eine mehr oder weniger ausgeprägte Verschwörungsmentalität. Die Zahl ist seit 2017 deutlich gesunken. Ein Treiber sei dabei die verbesserte Arbeit der Bundesregierung gewesen. „Gutes, verlässliches und inklusives Regierungshandeln“ habe die Populisten in die Defensive gebracht, heißt es in der Studie. Dieser Effekt ist durch die Corona-Krise leicht verstärkt, aber keinesfalls erst ausgelöst worden.

Was mir Angst macht: Bei den Berliner Corona-Protesten konnten die “Reichsbürger” trotzdem mitlaufen, ohne dass sich Veranstalter oder Mitdemonstranten wahrnehmbar an ihnen und ihren schwarz-weiß-roten Flaggen gestört hätten. Vielmehr noch: Selbst die Veranstalter sprachen in “Reichsbürgermanier” davon, eine “Verfassunggebende Versammlung” ausrufen und das Grundgesetz neu schreiben zu wollen. Demokratie ist nicht einfach, aber ich möchte in keiner anderen Staatsform leben! Darüber habe ich in dem Post „Ich will (in einer) Demokratie leben“ schon 2016 geschrieben.

Museumsmeile Bonn
Museumsmeile Bonn Kunstmuseum

Was sind die Ursachen?

Die Befunde von Studien zeigen eindeutig, dass Rechtspopulismus und -extremismus auch in der Mitte der Gesellschaft – statt wie öffentlich häufig proklamiert in prekären Umfeldern – Anklang finden. Über die Ursachen gibt es in dem verlinkten Artikel viele Hinweise.

In einem Interview schreibt die Sozialpsychologin Julia Becker: „Was sie eint, ist die Wut auf die aktuelle Politik, sie haben kein Verständnis für „die da oben”. Dazu kommen dann Individualismus und Egoismus. Diese Menschen werden wütend, sobald man sie in ihrer Freiheit einschränkt. […] Während der Pandemie hatten wir mit dem Präventionsparadox zu kämpfen, der Erfolg der Maßnahmen hat ihre Notwendigkeit infrage gestellt. Deswegen ist es so schwer, zu vermitteln, dass die Einschränkungen notwendig waren und sind. Die Protestteilnehmer sind aber auch aus persönlichen Gründen immun gegen Argumente: Wir finden dort Menschen, die ich jetzt mal als „libertäre Egoisten” bezeichne, die ihre eigene Freiheit über die Bedürfnisse anderer Menschen stellen. […] Narzissmus spielt ebenfalls eine Rolle, also das Gefühl, man sei etwas Besonderes und die allgemeinen Regeln gelten nicht für einen selbst. Narzissten sind besonders anfällig für Verschwörungserzählungen, denn diese bestätigen den Verdacht, dass sie selbst in der Lage sind die Wahrheit zu erkennen, während der Rest der Gesellschaft im Dunklen tappt.“

Die Studien sagen außerdem, dass nicht soziale Ausgrenzung, sondern soziale Unsicherheit (Statusängste) ein wesentlicher Treiber der Präferenz für rechtspopulistische Parteien ist. Es geht also weniger um die reale Erfahrung sozialer Ausgrenzung, sondern eher um die Angst vor dem sozialen Abstieg. Die soziologische Forschung hat gezeigt, dass Abstiegsängste und die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes zunehmend auch die Mitte der Gesellschaft erreicht haben.

Was mich vor allem traurig macht, fasst Joey Hoffmann in seinem Post gut zusammen: „Anstatt sich an den demokratischen Konsens des Maskentragens zu halten, würden die Demonstrierenden mangelnde Freiheit beklagen. Dabei würden viele die Flagge eines diktatorischen Regimes schwingen, in dem sie weit weniger Freiheit gehabt hätten. Sie glauben tatsächlich die demokratische Mehrheit seien die Diktatoren, weil sie vor lauter Freiheit vergessen haben, was Unfreiheit tatsächlich bedeutet.“ Die scheinbare Unwissenheit über geschichtliche Zusammenhänge kommen hier noch dazu.

Demokratie leben

Was können wir konkret tun?

Das wichtigste für mich ist, Politik nicht als Privatsache zu betrachten Politik nicht anderen zu überlasse, Das bedeutet, dass ich mich informieren und engagieren muss. Ich gehe immer wählen und setze mich für ein „gutes, verlässliches und inklusives Regierungshandeln“ ein.

Julia Becker sagt hierzu auch: „Ich finde aber, wir müssen auch etwas auf gesellschaftlicher Ebene tun. Viele Demonstrierende haben das Gefühl, sie hätten die Kontrolle verloren und dürften nicht mehr mitbestimmen. Wir leben in einer Gesellschaft, die leider nicht fair und gerecht ist. Es ist klar, dass die Menschen, die weiter unten in der Hierarchie stehen, sich ungerecht behandelt fühlen. Deswegen müssen wir auch an einer faireren und sozial gerechteren Gesellschaft arbeiten.“

Als Mutter möchte ich auch meinen Kindern ein gutes Vorbild sein. Ich spreche zum Beispiel mit ihnen über Politik. Julia Becker schreibt hierzu außerdem: Wir können unseren Kindern „beibringen, dass man anderen Menschen und Institutionen vertrauen darf. Sicherlich ist auch kritisches Hinterfragen sehr wichtig, aber es ist gut, wenn Kinder lernen, dass man nicht permanent misstrauisch und auf der Hut sein müssen. Außerdem ist es wichtig, dass Kinder einerseits gesehen, gehört und unterstützt werden, andererseits aber nicht zum Mittelpunkt der Welt erklärt werden, denn das fördert Narzissmus.“

Mehr dazu habe ich in dem Artikel „Wie Kinder heranwachsen, die eigenständig denken und kritisch hinterfragen“ geschrieben„.

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